Warum ich das Wort "Helfen" nicht mag

Warum ich das Wort "Helfen" nicht mag

Immer wieder höre ich von angehenden Trainern, meist schon sehr früh in der "Karriere", sie wollen anderen Menschen "Helfen". Da kriege ich dann oft eine Gänsehaut ... wie bitte? Erst einmal sei doch gefragt, ob es überhaupt Hilfe braucht!

Ein schönes Beispiel dafür ist Alice Schwarzer. Ausgerechnet mit Verona Poth ist sie in einer Diskussion bei Kerner, und so rein sprachlich ist Alice ungeheuerlich Respektslos und Verona versprüht ein Charisma, welches ich Ihr aufgrund Irhes "Dumpfbacken-Images" niemals zugetraut hätte. Alice spricht "für alle Frauen", Verona spricht "für sich selbst" und wehrt sich gegen das Schubladendenken von Alice. Faszinierend!


Doch ich denke, da steckt noch merh dahinter, was wir lernen können. Ein stets interessanter Blick ist der auf die Sekundärgewinne. Und den Begriff "Sekundärgewinn" mag ich eigentlich gar nicht, denn in dem Wort steckt drinnen, es wäre der "zweite" Gewinn, während der erste, der "Primärgewinn", also der eigentlich wichtige Gewinn ist. Sekundärgewinne bezeichnen aber nicht die "untergeordneten" Gewinne, sondern vielmehr die Versteckten Gewinne. Und oft ist der Sekundärgewinn/der versteckte Gewinn der einzig wichtig. Das, was da "Primär" sein könnte, ist schlicht und einfach unwichtig. Also nenne ich den Sekundärgewinn künftige "versteckten Gewinn" und wir alle wissen, was gemeint ist, okay?

Wenn jemand "Helfen" will, dann frage ich mich stets zuerst, was er davon hat. Und nur zu oft steht dahinter das Versagen im beruflichen und/oder privaten. Der Beruf des Coaches oder Trainers erfüllt so viele Träume, rein oberflächlich gesehen, das ist einfach verführerisch:

  • Die Probleme mit dem Chef oder den Mitarbeitern müssen nicht mehr gelöst werden ... als Trainer/Coach ist man selbständig und kann machen, was man will.
  • Die eigenen Probleme (privat) müssen nicht gelöst werden, denn man hat ja genug "fremde" Probleme zu lösen.
  • Man kriegt haufenweise Anerkennung von armen Menschen, die nicht intelligent genug sind, Ihre Probleme selbst zu lösen
  • Endlich verdient man viel Geld (tatsächlich sind die finanziellen Erwartungen von angehenden Trainern meist deutlich höher als die von etablierten und bewährten Trainern)

56Interessant wird es nun, wenn man diese versteckten Gewinne herausnimmt. Gerade die Anerkennung, das ist IMHO eines der spannendsten Themen: Wenn es keine Anerkennung mehr für den Trainer oder den Coach gibt, ist der Beruf dann überhaupt noch interessant? Es ist stets mein Mittel der Wahl, um versteckte gewinne aufzudecken: Erfülle das klar geäußerte Ziel und achte darauf, daß der "versteckte" Gewinn nicht erfüllt wird.

Ein angehender Trainer oder Coach ist sicherlich gut aufgehoben, wenn er seine Karriere in den wenig Ruhmreichen Hallen der Arbeitsämter verbringt, nicht vor großen Gruppen, die ihn anhimmeln, sondern als Coach von Einzelpersonen, die es nicht zu beeindrucken gilt, sondern wo der einzig wirkliche Erfolg darin liegt, sie in einen Job zu integrieren. Ich wüsste keine Situation, die die Fähigkeiten eines Coaches und Trainers stärker herausfordert als die Arbeit in der Integration von Langzeitarbeitslosen. Und kaum einer von denen, die "helfen" wollen, ist bereit, genau dort anzufangen. Dort, wo es wirklich um den Job als Trainer/Coach geht, und nicht um ruhmreiche Seminare vor tausenden von Teilnehmern und die Bewunderung von zehntausenden.

Jemand, der eine Trainerkarriere frisch einschlägt und den Menschen "ja nur helfen will", was steckt da dahinter? Respektiert es ein solcher Coach oder Trainer, wenn jemand sich gar nicht helfen lassen will? Läuft das dann auf ein frustriertes "Er wird schon sehen, was er davon hat" hinaus oder kann derjenige respektvoll damit umgehen? Denn wo finden all die angehenden Trainer/Coaches Ihre "Kundschaft" (=Opfer)? Zum Arbeitsamt wollen sie ja nicht, also fangen sie an, anderen Menschen einzureden, welche Probleme sie hätten. Und diese gleich lösen zu wollen. Ist ein Trainer oder ein Coach, dessen Ziel darin liegt, anderer Leute Probleme zu lösen und seinem eigenen Ego damit eine Bestätigung zu geben, ist der überhaupt in der Lage, zu erkennen, wenn es gar kein Problem gibt? Oder würde ihm das nicht die Existenzberechtigung rauben?

Am Ende kommen wir bei dem Begriff "Demut" an: Kann ein Trainer akzeptieren, daß er eben nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen hat und nun der ganzen Welt zeigen will/muss, wie sie sich verbessern kann? Und so ergibt sich der meist zwangsläufig erste Schritt für Trainer in Ihrer Karriere: Träume müssen zerplatzen, Pläne baden gehen und das eigene Ego muß die schlimmsten Tiefschläge einstecken.

Erst dann, wenn ein Trainer das hinter sich hat, wenn er erkannt hat, daß er nicht der Erlöser ist (diese Rolle ist von der katholischen Kirche mit Jesus schon besetzt worden und dennoch umstritten), daß die Welt nicht nur auf Ihn gewartet hat und daß er letztlich einfach auch "nur ein Mensch" ist, dann wird er in der Lage sein, zu erkennen, welches die Dinge sind, mit denen er anderen Menschen wirklich weiterhelfen kann. Nicht, weil er so toll ist und nicht, um am Ende toll dazustehen. Sondern ganz banal: Weil es sein Job ist. Wenn er den gut macht, dann kriegt er dafür auch viel Anerkennung. Und glücklicherweise kriegt er die Anerkennung "als Trainer" und nicht "als Mensch". Denn das, was ein guter Coach/Trainer auf der Bühne macht, das befreit ihn nicht davon, sich auch mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Teilnehmer neigen manchmal dazu, einen Trainer zu "idealisieren". Es ist schon arg verführerisch, sich dem anzuschließen und auch selbst zu glauben, man wäre so toll. Dem zu entgehen ist am Ende wohl die größte Herausforderung: Dem Trainer sein Lob zuzugestehen, den Menschen dagegen auf dem Boden stehen zu lassen, mit all seinen Unfehlbarkeiten und Schwächen.

Schade, daß Alice Schwarzer Ihre eigenen Fehler bis heute nicht sehen will (meiner Interpretation nach) und stattdessen stets versucht, anderen Frauen etwas aufzuzwängen, ganz ungeachtet davon, ob andere Frauen das überhaupt wollen. Aber so denke ich ist Alice doch ein wunderbares Beispiel geworden dafür, wie auch Trainer "auf den falschen Pfad" geraten können. ;-)

 

Alles Liebe,
Julian Wolf
NLP Master-Trainer!

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Bereits registriert? Hier einloggen
Gäste
Sonntag, 15. September 2019
Für die Registrierung bitte Benutzername, Passwort und nötige Felder eingeben.

Blog-Beiträge

Hotel FIT in Much. Ein Ort wo die Vögel sich noch gute Nacht sagen und morgens zum Konzert versammeln. Am Rand...
Kennst du das Gefühl das dich etwas zurückhält, aber es ist nicht wirklich greifbar?Das du einen Einblick in e...
Was sind denn Abwehrstrategien? Abwehrstrategien sind Verhaltensmuster, die durch gewisse Situationen auftrete...
Hallo alle da draussen,heute fange ich mit dem Ende des 4. Tages an. Julian hat uns das Ankern beigebracht. Un...
"An Ihren Früchten sollt Ihr Sie erkennen", so heißt es schon in der Bibel und so meinen die Menschen immer wi...

Page