Tod nach Abschiebung - Wadim

Tod nach Abschiebung - Wadim

Gerade eben habe ich auf 3Sat eine nahezu verstörende Dokumentation gesehen:
Tod nach Abschiebung - Wadim

Ein kleiner Junge namens Wadim lebt seit er sechs Jahre ist in Deutschland, die Eltern sind geduldet, kriegen keine Staatsangehörigkeit. Dennoch, der ursprünglich aus Lettland stammende Junge ist voll integriert in Hamburg, spricht Deutsch, fühlt sich als Deutscher und war nie wieder in seiner vermeintlichen "Heimat".

Mit 18, wenn ich mich recht erinnere, wird er in einer Nacht- und Nebelaktion erstmalig ausgewiesen und in Lettland "ausgesetzt". Seine Eltern werden dabei verletzt, er wird abgegrenzt und es muß wirklich schräg sein: Abends in´s Bett gehen, nachts rausgerissen werden und morgens dann in Lettland auf dem Flughafen alleinegelassen werden ohne auch nur die Sprache zu können. Er war damals 18, soweit ich mich erinnere.

Nach ein paar Nächtem im Obdachlosenheim wandert er irgendwann illegal wieder nach Deutschland ein, wird aufgegriffen, wieder abgeschoben, kommt wieder zurück, stellt Asylanträge auch in Brüssel. Es war ein Hin- und Her, mit Übergriffen der Polizei und unglaublich vielen Vorfällen, denen ich den Begriff "Menschlichkeit" absprechen würde.

Das Ergebnis ist ebenso zwangsläufig wie traurig: Mit 23 Jahren nimmt er sich das Leben. Verstörend sind die Bilder, Videofilme, die einen Menschen zeigen, den ich, von seiner Sprache her ebenso wie von seinem Aussehen her, als "Deutsch" wahrnehme. Die Freunde, die über Ihn erzählen, wie sie mit Ihm "Frauen aufreißen gegangen" sind, gespickt mit Annektoden, wie viel Spaß er doch immer verbreitet hat und wie er bei seinem letzten Deutschlandaufenthalt eine Art Verfolgungswahn entwickelte ... es ging ihm nicht mehr gut.

Doch das, was dann mein Herz fast aussetzen ließ, war der Schlußsatz von seinem (jügeren) Bruder. Im Abspann wurde gesagt, daß der Bruder den Film unterstützte, selbst aber nicht daran mitwirken wollte. Und als nächstes kommt ein Zitat, von Wadims Bruder:

"Wie werden mit Ihrem Film keine Gesetze ändern
oder die radikale Ausländerpolitik in Hamburg.
Sie werden für einen Moment Mitleid auslösen,
bis die Menschen wieder an sich selber denken."
Wadims Bruder, März 2010

Es macht mich immer wieder traurig, wenn solch schreckliche Schicksale sich entwickeln, an allen Ecken und Enden Menschen daran beteiligt sind, Polizisten, Richter und mehr, von denen keiner mehr die Augen aufbekommt und sieht, was da angerichtet wird.

Ich kann mir nur schwer vorstellen, daß dieser ganze Vorfall rechtlich einwandfrei gelaufen ist, obwohl ich im Prinzip weiß, daß er es ist. Sind unsere Gesetze wirklich so brutal, daß sie es den Ausführenden Organen nicht gestatten, die Augen aufzumachen und in Extremfällen die Sinnhaftigkeit zu erfragen?

Nein, ich weiß gerade gar nicht so recht, was ich dazu sagen soll und wie ich damit umgehen will. Die Doku empfehle ich jedem, der sich von einem Minus auf seinem Konto demotivieren lässt oder es für ein Drama hält, wenn sein Lieblings-Fußball-Verein verliert. In Anbetracht dieser Vernichtung des Lebens von Wadim scheint mir all das, was ich vielleicht an "Problemchen" habe, so unglaublich unwichtig.

Alles Liebe,
Julian Wolf
NLP Master-Trainer

 

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