Jeder Mensch ist vollkommen!

Die ersten vier Wochen des neuen Jahres haben mein Leben ganz schön in´s Wanken gebracht. Nach Freud´ und Leid, Hoffen und Bangen, stehe ich am Ende gewissermaßen ohne Ergebnis da, und in genau dieser Leere entsteht eine Erkenntnis, die mich ungemein fasziniert: Jeder Mensch ist vollkommen!

Es geht mir dabei nicht um Lippenbekenntnisse oder die naive Ansicht, daß man nur jeden Menschen als vollkommen ansehen müsste oder daß jeder Fehler letztlich Teil der Vollkommenheit ist. Nein, das ganze geht viel, viel tiefer. Ich habe die letzten Wochen einen Menschen als absolut vollkommen wahrgenommen, der das sicherlich nicht ist. Und obwohl ich das wusste, daß dieser Mensch nicht vollkommen ist, habe ich ihn weiter, freiwillig und ganz bewusst, als vollkommen wahrgenommen. Wieso?

Mir scheint, man kann Menschen aus verschiedenen Perspektiven wahrnehmen. Als Trainer und in meinen Seminaren gucke ich vor allem, was bei einem Menschen "fehlt", wo er Hindernisse auf seinem Weg hat und welches der passende nächste Schritt ist und welche Ressourcen er braucht, um diesen Schritt zu machen. Für mich ist zweifelsfrei klar, daß der Mensch auf seinem Weg ist, denn würde ich das nicht glauben, so hätten die Seminare keinen Sinn. In der Tat, wenn ich genau dieses Gefühl nicht habe bei einem Teilnehmer, dann habe ich auch ein furchtbar schlechtes Gewissen und frage mich, ob er "hier" überhaupt richtig ist oder ob ich ihn nicht besser zu einem anderen Trainer oder in ein anderes Seminar schicke.

Unabhängig von diesem "Weg" gibt es jedoch noch eine andere Perspektive, eine, die ich die letzten Jahre viel zu sehr aus dem Blick verloren habe. Es gibt nicht nur das, was man aus einem Menschen "machen kann" oder was ein Mensch "aus sich selbst machen" kann, es gibt auch noch das, was ein Mensch wirklich ist. Ganz und gar, egal zu welchem Zeitpunkt. Dieses "wahre Selbst" des Menschen ist zeitlos. Es spielt keine Rolle, wo er auf seinem Weg ist, ob er gerade einige Irrwege macht, ob er kurz vor dem Ende oder noch ganz am Anfang ist. Dieses Selbst ist stets vollkommen. Und in meinem Leben gab es nur ganz wenige Menschen, die ich als Vollkommen wahrgenommen habe. Nicht wegen dem, was sie tun, oder weil sie mich fasziniert haben. Sondern wo ich aus meinem tiefsten inneren heraus fühlen konnte Dieser Mensch ist vollkommen! Das ist keine Einstellung und auch kein Werkzeug oder Refraiming, es ist einfach nur ein besonders klares Bild eines Menschen, eine Wahrnehmung, die nur selten passiert. Mir zumindest.

So ging es mir zu Begin des Practitioners in Köln: Da saß ein Menschn im Publikum, den ich als vollkommen wahrgenommen habe. Ohne jegliche Einschränkung. Und ich habe eine Perspektive wiedergefunden, die mir über die Jahre stückchenweise verlorenging. Es ist nichts, was steuerbar ist. Es ist nichts, was irgendwelchen Regeln folgt. Es ist einfach nur so, daß diese selten aufkommende Perspektive so wunderschön ist, daß ich Ihr völlig erlegen bin. Egal, was bei diesem Menschen noch "zu tun war", egal, wo das Leben durcheinander geraten ist oder was-auch-immer, die Wahrnehmung der Vollkommenheit war stets dabei.

Nun, leider hat das Leben, im Gegensatz zur Vollkommenheit, so seine Grenzen, und es funktioniert nicht, die Vollkommenheit in den Alltag zwingen zu wollen, wenn sie nicht da sein soll. Das sind jetzt wohl blumige Worte für die sehr pragmatische Erkenntnis, daß das ganze auch wieder zu einem schnellen Ende gekommen ist. Gut, das hat phasenweise arg weh getan und ich wollte es lange nicht wahrhaben. Das übliche Geschrei halt, im Inneren, wenn man eine tolle Begegnung hat und diese dann wieder zuende geht. Und da bleiben dann die Erinnerungen, die Erfahrungen und, wenn man darüber nachdenkt, die Erkenntnisse.

Jeder Mensch ist vollkommen, das steht für mich nun zweifelsfrei fest. Nur ... wer kann das sehen? Wer will das sehen? Wo findet diese Wahrnehmung statt? Zu wissen, daß jeder Mensch vollkommen ist, das ist eine ganz andere Baustelle wie es wahrzunehmen.

Ich glaube nicht, daß es möglich ist, die Vollkommenheit jedes einzelnen Menschen jederzeit wahrzunehmen. Ich glaube auch nicht, daß das Sinn macht. Ein Teilnehmer, der zu mir in´s Seminar kommt, der sieht mich als herausragenden Trainer, und gibt mir dadurch die Möglichkeit, herausragend zu arbeiten. Ein Trainer sieht mich als Kollege und gibt mir dadurch die Möglichkeit zu einem sehr produtiven Miteinander im Seminar. Wir müssen uns alle in verschiedenen Rollen sehen, um diese Rollen erfüllen zu können. Das erfordert da Miteinander: Einen Koch sehen wir als den, der das Essen zubereitet und einen Bundeskanzler als den, der den Staat lenkt. In all diesen Rollen sind wir auch kritisierbar, nur in diesen Rollen können wir wachsen und lernen.

Dieses wirklich seltene Miteinander, in dem wir die Vollkommenheit in dem Menschen sehen, der uns gegenübersteht, ist unproduktiv. Es führt unsere Gesellschaft nicht weiter, es steht nicht für Fortschritt und nicht für Entwicklung. Es steht für das reine Sein, den Sinn des Lebens, den Sinn der ganzen Existenz in einem bloßen Moment eingefangen.

Es sind unglaublich schöne Momente, einem Menschen zu begegnen, den man als Vollkommen wahrnehmen kann. Den man in den Arm nehmen kann und das Gefühl hat, man halte gerade ganz sachte alles in dem Arm, was Bedeutung hat. Und dieser Moment mag nie enden wollen ... er ist von so unwirklicher Schönheit und frei von jedem Wunsch, jedem Bedürfnis oder jeder Notwendigkeit einer Entwicklung. Daher darf er auch nur so selten sein: Würden wir viele Menschen als "Vollkommen" wahrnehmen, so würden wir uns kaum noch bewegen, so würde das Leben auf dieser Welt in einem Moment unwirklicher Schönheit stehenbleiben und damit am Ende sein.

Wenn ich mein Leben zurückdenke, so gab es drei Menschen, die ich als vollkommen wahrnehmen konnte. Alle drei haben sich so sehr in mein Hirn eingebrannt, daß ich mich noch heute bei jedem einzelnen Frage, ob er wirklich war oder eingebildet. Und doch ... die Perspektive zu finden, einen Menschen als Vollkommen wahrzunehmen, die ist so schön. Ob es Einbildung ist oder nicht, es interessiert mich nicht. Denn in dem Moment, in dem ich einen Menschen als vollkommen wahrnehmen kann, in dem bin ich glücklich. Wen interessiert´s, ob das Eingebildet ist, wenn es doch als so überwältigend darstellt?

Alles Liebe, Julian!

 

 

 

Nachtrag:
Aus persönlichen Gründen möchte ich noch etwas hinzufügen. Ich bin ja seit vielen Jahren ein großer Fan der BBC-Serie Doctor Who. Am Ende der 2. Staffel der Neuauflage, als David Tennant den Doctor spielte und Rose Tyler ausstieg gab es eine herzzerreißende Abschiedsszene zwischen dem Doctor und Rose, die ihn seit drei Staffeln begleitete. Beide waren (jaja, es ist Science Fiction) durch zwei Universen getrennt, die kollabieren würden, träfen sie noch einmal aufeinander. Es war der letzte Moment für die Beiden, Abschied zu nehmen.

Mich rührt diese Szene seit jeher zu Tränen. Die Musik ist bravorös verankert, der Abschied ist so hart, so ungerecht, so klar. Er beendet eine mögliche Zukunft, raubt Träume und Hoffnungen.

An sich will ich gar nicht mehr so viel dazu schreiben. Einfach nur diese Szene. Ist es nicht schön? Wenn Träume zuende gehen, dann zeigt das auch, daß es Dinge gibt, die einem wichtig sind. Wie hat Janis Joplin doch so schön gesungen? "Freedom ist just another word for nothing left to loose". Es ist so erfüllend, Dinge zu haben, die einem wichtig sind. Doch es birgt immer die Verletzung in sich, das zu verlieren, was einem wichtig ist.

 

Meine Güte, in den letzten Wochen habe ich mich sowas von verliebt. Und so sehr es weh tut, es ist so schön, zu spüren, wie wertvoll das ist.

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