Helden und Versager: Titanic vs. Costa Concordia

Helden und Versager: Titanic vs. Costa Concordia

"An Ihren Früchten sollt Ihr Sie erkennen", so heißt es schon in der Bibel und so meinen die Menschen immer wieder daß sie entscheiden würden. Frei nach dem Motto "Es kann nicht sein, was nicht sein darf". Die Meinungsmache der Bevölkerung ist oft überwältigend und am Ende bleiben moralische Ergebnisse, die faktisch völlig absurd sind. Anbei das Beispiel: Kapitän Smith (Titanic) im Vergleich mit Kapitän Schettino (Costa Concordia). In der Bevölkerung der Held im Vergleich mit dem Totalversager. Fangen wir mit dem Helden an.

Kapitän Smith hat vor allem eine Sache gemacht, die Anerkannt wird, die Erwartet wird und zu der es keine Alternative gibt: Er ist an Bord geblieben! Da der Kapitän erst als letztes von Bord gehen darf zwingt die Logik zu dem Schluß: Erst, wenn alle anderen Passagiere geretten sind darf der Kapitän auch an sich denken. Mit den über 900 Toten der Titanic hat es keine Chance gegeben.

Schettino dagegen hat Sch... gebaut! Er ist von Bord gegangen, noch dazu mit einer allzu dämlichen Ausrede: Gestolpert und in´s Rettungsboot gefallen. Nein, wahrlich, das sieht arg doof aus. Es gab Tote, 28 an der Zahl, und der Kapitän, der früher verschwindet, überlebt ohne jegliche Verletzung. Das darf nicht akzeptiert werden, Schettino wurde zerrissen, verurteilt und fertiggemacht.
Dabei geht aber unter, daß die 28 Toten einen an sich ungewöhnlichen und sehr guten Manöver zu verdanken sind: Im letzten Moment noch hat Schettino das Schiff sogar noch weiter auf Grund gesetzt, an die Insel heran, verhakt im Untergrund. Heute ist das der Grund, warum die Bergung sich als so schwierig erweist: Die Costa Concordia liegt kurz vor dem Abrutschen in tiefere Gewässer. Wer sich das Bild anguckt sieht auch ganz deutlich: Dieses Schiff ist nur deswegen nicht ganz untergegangen, weil es auf Grund liegt. Wäre das nicht der Fall, hätte Schettino das Schiff nicht noch weiter auf Grund gesetzt, so wäre die Costa Concordia sicherlich ganz untergegangen und es wäre kaum bei den verhältnismäßig wenigen 28 Toten geblieben.

Ganz anders dagegen hat Kapitän Smith von der Titanic reagiert. Smith stand unter Schock und die Situation führte zu etwas, was manchmal unter dem Begriff "Verhaltensträgneit" zu finden ist: Unfähig, zu entscheiden, wurde er stoisch. Die Befehlskette auf der Titanic brach zusammen und noch heute ist der wohl größte und unnötigste Fehler einfach nachzuvollziehen: Die sowieso schon in viel zu kleiner Zahl vorhandenen Rettungsboote wurden nicht vollständig besetzt. Kaum zu glauben: Rettungsboote der untergehenden Titanic verließen nur zur Hälfte besetzt das Schiff. Über 900 Tote, weil zu wenige Rettungsboote vorhanden waren, und doch war kaum ein Rettungsboot voll besetzt. Umgekehrt ist kein einziges der Rettungsboote, in Ansätzen auch verständlich: Wären mehrere 100 Menschen in ein Rettungsboot geklettert, so wäre auch das untergegangen. Die Rettungsboote sind einfach aus Selbstschutz nicht umgekehrt, über Vernunft oder Moral lässt sich zwar streiten, im Grunde genommen kann ich diese Entscheidung aber nachvollziehen.

Bei Kapitän Smith dagegen fällt mir das viel schwerer. Unterbesetzte Rettungsboote, um dann mit dem Schiff selbst unterzugehen? Es stehen 28 Tote (Costa Concordia) gegen über 900 Tote (Titanic), und bei den 28 Toten der Costa lässt sich sagen, daß Schettinos Verhalten während der Katastrophe viele Leben gerettet hat, während das Verhalten von Kapitän Smith dagegen viele Leben gekostet hat. Nur ... Smith ist mit seinem Schiff untergegangen, und das verdient Respekt, während Schettino sich verflüchtigt hat, und das wollen wir nunmal verurteilen.
Doch mal ganz ehrlich: Wenn eine Katastrophe passiert, während Sie auf einem Schiff sind, welchen Kapitän hätten Sie dann lieber? Den, der selbst flüchtet, nachdem er rein Faktisch äußerst Effektiv gehandelt und die Zahl der Opfer reduziert hat oder den, der von der Situation überwältigt handlungsunfähig ist und mit seinem Schiff untergeht?

Gehen wir mal noch etwas weiter: Kann es sein, daß da unser altes christliches Modell des "Opfers" drinnensteckt? Wer sich selbst Opfert, der wird anerkannt, während jemand, der um sein Leben kämpft ganz anders wahrgenommen wird. Zu sterben, dem Tod in´s Auge zu sehen, das gilt als Erwachsen, als reif, in Mode gekommen durch einen, der brav am Kreuz gestorben ist.

Doch noch einmal zurück zu unserer Wahrnehmung, auch an den amerikanischen Präsidenten lässt sich das gut nachvollziehen. Europa hat sich in Obama verliebt, deutlich zu sehen. Der, der versprochen hat, Guantanamo zu schließen, der hat mit diesem Versprechen unsere Herzen gewonnen ... daß er dieses Versprechen bis heute nicht erfüllt hat, daran stört sich keiner. Seinen Friedensnobelpreis hat er dennoch inne und unsere Herzen ... wer wären wir denn, diese vor ihm wieder zu verschließen.
Viel schöner ist doch ein Feindbild wie George W. Bush, für uns aus Europäischer Perspektive der "Böse", weswegen Obama auch so gut in die Rolle des "Guten" passt. Doch auch bei Bush sehen wir nur, was wir sehen wollen: Kriege, die Einrichtung von Guantanamo, all sowas passt für uns zum Image des texanischen Cowboys mit den verkniffenen Lippen, stets den Colt griffbereit. So einen Präsidenten wollen wir halt nicht ... ganz egal, daß es nicht einmal unser Land ist, das er regiert. Und aus unserer Wahrnehmung wird verbannt, daß George W. Bush für den afrikansichen Kontinent mehr getan hat als jeder andere amerikanische Präsident. Wohl mehr als jedes Staatsoberhaupt auf der ganzen Welt. Bush wird in vielen Teilen Afrikas wie ein Held verehrt, und wir wissen das nicht. Weil wir das nicht wissen wollen.

Ob ich recht habe oder nicht ... das wird leider kein Licht sagen, denn auch ich bin darauf angewiesen, zu entscheiden, welchen Berichten, welchen Zeitungen und welchen Websiten ich glaube, und welchen nicht. Doch ich merke immer wieder, daß auch meine persönliche Sympathie für Obama spricht. Zu verführerisch ist er, der charismatische, leicht dunkelhäutige Frontmann mit dem netten Lächeln und der Vorzeigefamilie, der einem kleinen Jungen eine Entschuldigung schreibt, der die Schule schwänzt um zu einer Rede zu kommen. Man, lasse ich mich davon beeinflussen ... doch ist das gut so? Mache ich die Augen zu, wenn ich immer wieder vergesse, daß Guantanamo noch immer existiert, daß es noch immer einen "rechtsfreien Raum" gibt wo die Amerikaner Foltern dürfen?

Eines ist doch ganz besonders deutlich: Das Video, welches von dem kleinen, unbedeutenden Soldaten der US-Streitkräfte Bradley Manning an WikiLeaks übermittelt wurde. Wer sich das noch einmal reinziehen will der sei gewarnt: Das Video in voller länge ist phasenweise enorm verstörend:

Die Highlights:

  • Das Lachen des Helikopter-Piloten wie er dem Panzerfahrer durchgibt, er hätte gerade eine Leiche überfahren.
  • Die offensichtliche Falschidentifikation einer Kamera als Waffe. Es entsteht der Eindruck, man hätte nur einen Grund gesucht, schießen zu dürfen.
  • Das nachhaltige weiterschießen auf die verletzt auf dem Boden liegenden Menschen (einer davon der bekannte Reuters-Fotograf)
  • Der Beschuß des Vans, der die Verletzten einsammeln und in ein Krankenhaus bringen wollte
  • Bei dem Fund von Kindern in dem zerschossenen Van der Kommentar "Selbst schuld, wenn die Ihre Kinder in den Krieg mitnehmen"

Es gibt vieles an dem Video, was verstörend ist, doch am schlimmsten fand ich wirklich das Lachen bei dem "überfahren des Körpers". Was soll man zu so einem Video noch sagen? Es bricht meiner Meinung nach ganz deutlich mit jeglichem moralischen Anstand, jeder Ethik, von der ich denke, daß sie einem normalen Menschen angeboren sein sollte. Und ich frage mich, ob die USA damit nicht noch schlimmere Kriegsverbrechen durchgeführt haben, noch verwerflicher als andere, immer wieder gerne kritisierte Länder wie China oder das von Putin regierte Russland.

So, Bradley Manning ist es also zu verdanken, daß solche Bilder rauskommen und eine öffentliche Diskussion darüber stattfinden kann. Und wie reagiert unser Liebling Obama darauf? Der Friendensnobelpreisträger sagt nicht "Danke für diese Informationen, in der Tat ist das nicht in Ordnung und wir müssen handeln", nein, Manning sitzt in Haft, selbst die Todesstrafe ist in der Diskussion wegen "Geheimnisverrat" und Obama kommentiert es nur mit "He broke the Law" So einfach kann man es sich machen.

Die Wahrheit hat viele Facetten und mir persönlich fällt es immer schwerer, zu entscheiden, wen ich mag und wen nicht. Zu oft zeigt sich unter der Oberfläche etwas ganz anderes als das populistisch wahrgenommene. Und damit will ich mich keinesfalls irgendwie selbst auf eine Seite schlagen: Ich weiß schlicht und einfach nicht, was wahr ist, wsa gut ist, und was nicht. Einzig den Videos glaube ich ... die sind kaum eine Fälschung und wer so teilnahmslos lacht, wenn eine Leiche mit einem Panzer überrollt wird, der ist mir definitiv nicht sympatisch!

Und eines noch habe ich in Erinnerung. Wer sich an Schröder in der Elefantenrunde erinnert und wer dieses Gezerre erlebt bei knappen Wahlen, wenn Gerichte darüber entscheiden, wer der nächste Präsident der USA wird, der wird sich sehnen nach klaren Ansagen. Vor einigen Jahren, als Obama das erste Mal kandidierte, war sein Gegner McCain. Ein mehrfach ausgezeichneter Kriegsheld, der seine Freilassung aus der Kriegsgefangenschaft ablehnte, weil seine Kameraden nicht mit Ihm freigekommen wären. Das erfordert Courage.

McCain unterlag, Obama wurde Präsident. Und erst bei der Rede von McCain lief mir ein Schauer über den Rücken, voller Respekt für den Mann, der gerade unterlag. Die Rede ist beeindruckend:

Und wenn ich mir so ansehe, wie McCain seine eigene Niederlage erlebte, wie er damit umging und wie er Obama gratulierte, vor den Augen den eigenen Mißerfolgt, so frage ich mich, wie dieser Mann auf ein Video wie das, welches Bradley Manning hinausgeschmuggelt hat, reagiert hätte. Irgendeine kleine Stimme in mir sagt, daß McCain hier "erwachsener" reagiert hätte und ich frage mich, ob ich den Charme eines Obama erlegen bin nicht sehen will, was nicht sein soll.

Viele Fragen, doch hier habe ich keine Antworten.

Alles Liebe,
Julian Wolf
NLP Master-Trainer!

 

 

 

 

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