Der Schlüssel

17 Mai 2009 18:50
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Der Schlüssel #1
Der Schlüssel


Mischa:

Vor vielen, sehr sehr vielen Jahren, verliebte sich ein junger Mann Knall über Fall bis über beide Ohren in ein wunderschönes und zauberhaftes Mädchen ... und natürlich, (denn das erfordert schon allein die Geschichte), verliebte auch sie sich in gleichen Maßen in ihn. Denn er war nicht nur jung und schön, sondern er hatte auch ein großes weiches und warmes Herz....
Nachdem die beiden nun schon eine ganze Weile glücklich miteinander waren, ging er zu einem Schmied und ließ für sein großes, weiches und warmes Herz einen Schlüssel schmieden,...... und schenkte diesen seiner Angebeteten in einer warmen und lauen Sommernacht als Pfand seiner Liebe ...
Voller Freude nahm sie diesen Schlüssel an sich und drückte ihn an ihren Busen, während Tränen der Liebe über ihre Wangen liefen, denn sie war sich der Größe und des Wertes dieses Geschenkes sehr wohl bewusst...
Wieder vergingen einige glückliche und sorgenfreie Jahre... bis, ...ja bis ein anderer Mann ihren Weg kreuzte und sie sich... zunächst nur vorsichtig, im Laufe der Zeit aber immer heftiger in ihn verliebte. Nachdem dieser ihr aber den Zugang zu seinem Herzen verwehrte, denn wusste er doch von der Liebe des Anderen zu ihr ...und hatte doch selber seine Liebste, probierte sie doch heimlich und verstohlen eines Nachts den Schlüssel des Geliebten an seinem Herzen aus.
Natürlich passte er nicht und so versuchte sie es mit aller Kraft und Gewalt.....
Dabei aber brach der Bart des Schlüssels im Herzen des Mannes ab und war seither nicht mehr am richtigen Herzen zu gebrauchen..... so hatte sie innerhalb von einer Nacht zwei wunderbaren Menschen die Herzen „gebrochen“, denn für das eine gab es keinen Schlüssel mehr, und in dem anderen steckte der Bart des Schlüssels, so dass es niemals wieder reich und voll für eine Geliebte schlagen konnte ...
Nachdem sie nun einige Zeit alleine und einsam durch ihr Leben gehen musste, und sie es vor Schmerz und Leid kaum noch aushielt, ging sie eines Abends an den Strand, entkleidete sich und behielt nur den unbrauchbar gewordenen Schlüssel um ihren Hals.
Sie stieg ins warme, salzige Wasser des Meeres und schwamm dem Horizont entgegen.....




Heidi:


So kann diese Geschichte aber nicht enden ... ist ja viel zu traurig ... keine Geschichte sollte und darf jemals so ausgehen ..wirklich nicht:

...... und schwamm dem Horizont entgegen ...... immer weiter schwamm sie ... und der Schlüssel um ihren Hals wurde immer schwerer und schwerer .. und nicht nur diese Last trug sie, auch das Wissen um all die Liebe, die sie mit ihrer Gier, mit ihrem sich drehen um sich selbst, zerstört hatte ... dieses Wissen, gewandelt in Schuld, wog noch schwerer als der Schlüssel, zog sie immer weiter in die Tiefe ....
und langsam hob sie ihre Arme gen Himmel, bereute zutiefst und bat um Verzeihung und Läuterung ....... ergab sich dem Sog und versank in den Wellen .......................immer weiter sank sie hinab ..

der Schlüssel löste sich von ihrem Hals und mit ihm verschwand alle Sehnsucht, alle Gier, alles Besitzdenken, alle Träume, alle Wünsche, alles Verlangen .. und alle Schuld ......... nackt, innen wie außen, fiel sie sanft auf den Grund des Meeres ...................

lange, lange Zeit lag sie dort ..kein Wasser drang in ihre Lungen, kein Laut an ihr Ohr ... die Stille umfing sie wie ein schützender Mantel und langsam, ganz langsam wob das Mehr eine neue Sehnsucht in ihr, hauchte ihr neues Leben ein ..dienen wollte sie, sich geben, auflösen in den Wünschen und in den Bedürfnissen des anderen.... und je größer dieser Wunsch in ihr wurde, umso leichter wurde sie .. und um so leichter sie wurde, um so höher trieb sie nach oben ..bis das sanfte Licht des Mondes sie umfing .............................

Ein Fischer in seinem Boot fand sie, brachte sie an Land und in ein Dorf ... dort wurde sie gekleidet und man wies ihr die schmutzigsten Arbeiten zu, damit sie sich ihr Essen und ihre Schlafstatt verdienen konnte ....

In dem Dorf lebte auch ein älterer Mann, griesgrämig, hart sein Herz und unleidlich seine Umgangsformen .... jeden Tag traf sie ihn am Brunnen und im Laufe der Zeit bedachte er sie immer öfters mit seinen gierigen Blicken ..... und dann nahm er sie mit in sein Haus .. ließ sie arbeiten für sich, benutzte sie nach seiner Art und Weise ...... und sie war dankbar dafür ..schenkte ihm all ihre Liebe und Aufmerksamkeit .. und mit der Zeit stahl sich ab und an ein Lächeln über seine verkniffenen Lippen und auf seinem Totenbett schenkte er ihr sein Lachen und seine Tränen der Hoffnung ...

Sie nahm dieses Lachen und seine Tränen in ihr leeres Herz und verließ das Dorf und wandert seit dem durch die ganze Welt und durch all die kommenden Jahrhunderte ..Dienerin, Magd, Hure, Geisha, Geliebte von Herren, die ihr ihre Liebe nicht lange danken, sie benutzen, sich an ihr erquicken und dann eine andere Frau, aus welchen Gründen auch immer, ihr vorziehen ................ und doch, mit jedem Lächeln, mit jeden glücklichen Seufzer, mit jedem Blick, der ihr ein kleines Danke schenkt, füllt sich ihr Herz .......

Und irgendwann, wenn ihr Herz voll ist und sie kein leeres Gefäß mehr, sondern voll mit Liebe und Dankbarkeit, dann wird sie auf den Menschen treffen, der über all die Jahrhunderte den Schlüssel sicher aufbewahrte, ihn im Feuer geheilt und an seinem Herzen getragen hatte .... und er wird vor ihr stehen und ihr diesen Schlüssel reichen und sie wird ihn mit einem Lächeln annehmen und ihn weit in den Himmel werfen ..denn in diesem Moment wird sie erkennen, dass sie keinen Schlüssel braucht, weil sie selbst der Schlüssel ist .... und sie wird noch einmal die Gebendnehmende sein und alle Liebe in ihr beider Glück wandeln .................. und mit ihm leben, bis ihre Wege sich trennen und das Rad sich drehen wird in eine andere Richtung ...

(c) HM




Oh, vielleicht als Anmerkung dazu: Diese Geschichte entstand in einer "Nacht der Erzählungen". Der Rahmen: Jemand wirft fünf zusammenhangslose Worte in den Raum und jemand beginnt spontan mit einer Geschichte dazu und die anderen hören zu und spinnen bei Bedarf und Wunsch dann weiter *lächel

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