Großartige Geschichten

24 Jun 2007 15:03
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Großartige Geschichten #7
„Piss die Wand an“, entfuhr es mir wie eine Flatulenzeruption nach einem Teller saftiger Bohnensuppe. Haltet mich nicht für ordinär. Aber was mir da meine Aphrodite erzählte, sprengte meine Vorstellungskraft.

Wir hockten wie jeden Tag vor dem Hannoveraner Hauptbahnhof und vernichteten Herrenhäuser Urpils.
„Asoziale Drogenpunks, geht arbeiten“, zischte uns ein nadelgestreifter Spießer an.
Was hatte denn Koksnase zu tönen? Uns kam nichts Härteres als Alk in die Tüte. Davon aber gerne ein wenig mehr.
„Peace, Alter. Hasse ma nen Euro!“ durfte er Zeckes ausgestreckten Stinkefinger bewundern. „Fuck you!“
War meine Dulzinea nicht göttlich, schwoll meine Brust vor Stolz. Mr. Smart versuchte, mit einer in seiner Welt abschätzigen Handbewegung seine Spießerfassade aufrecht zu halten. Insgeheim bewunderte er uns, da war ich mir sicher. Endgeil.
„Erzähl noch mal“, strich ich Zecke über den zuckertinkturgehärteten Iro.
„Halt dich fest“, rotzte mein Erdbeertrüffelchen auf die Betonplatten der Nazigesellschaft.
„Ich fahr sonnen Langeweiletrip und füll son fucking Preisausschreiben aus. Wat ist die Hauptstadt Niedersachsens. Hannover war vorgegeben. Braunschweig passte da nicht. Nix bei gedacht. Und heute bringt der Ernie von der Post son Brief. Ich hab gewonnen. Aber nicht die 5000 Lappen. Nee, dritter Preis. Eine Woche im Schrebergarten für lacko. Holy Shit. Da gewinnste schon mal was, und dann sonnen Dreck.“
„Hey, ist doch megascharf“, konnte ich mich vor vibrierender Begeisterung kaum am Herrenhäuser Göttertrunk festhalten. „Ist doch so, als ob Sid Vicious und Joey Ramone in der Hölle ne gemeinsame Band gegründet hätten. Hammergeil. Hab ich nie erzählt, aber ich steht voll auf dieses Naturzeux. Da hocken wir uns ne Woche ins Grüne und kippen uns ein paar Bier in die Birne und ab die Post.“
„Schrebergarten? Hast Du dir die letzten Gehirnzellen weggesoffen?“, warf Zecke eine leere Pulle in die Betonlandschaft. „Da wackeln die letzten Spießer rum, falls sie noch wackeln. Liegen eher scheintot in der Ecke.“
Doch die sedierende Wirkung des Hefetrunks, die hannoveraner Sommersonne und mein strahlendes Charisma überzeugten meine Angebetete. Der Urlaub war gebucht. Eine Woche Party in der Schrebergartenkolonie an der Stadtgrenze zu Laatzen.

Es dauerte etwa vierzehn Tage, bis mein Cappuchinoschäumchen das Organisatorische geklärt hatte. Dann fischte Zecke das folgenschwere Schreiben aus dem grauen Blechbriefkasten unseres noch graueren Wohnklos.
„Sehr geehrte Frau Zeckmann. Wir freuen uns, dass Sie beim Preisausschreiben der Stadtpostille gewonnen haben. Gerne begrüßen wir Sie samt Familien als liebe Gäste in unserer Kleingartenanlage Harmonie. Hier bilden Tradition und Fortschritt ummantelt von den Werten deutscher Kultur eine einmalige Symbiose unserer kleinen Gemeinschaft. Wir würden uns außerordentlich freuen, wenn sie nach Abschluss der Testwoche eine Garteneinheit übernehmen und Teil unseres Vereins werden würden. Wir erwarten Sie am 14. Juli um fünfzehn Uhr zu Kaffee und Kuchen. Unser Vorstand wird sie dann über die Beitrittsmodalitäten und Gartenordnung unseres harmonischen Miteinanders instruieren.“


„Piss die Wand an“, fühlte ich mich hofiert wie Tokiomotel beim Grammybrunch. „Die laden uns zu ner Kaffefahrt ein. Mal schauen, ob wir noch die Mücken für das Teil bis Sonntag zusammenschnorren können. Aber wir halten den Ball flach, die Woche kosten wir aus. Ohne Stress. Party bis zum Koma“
Am himmelblauen Sonntag trafen wir beladen wie die Packesel zum benannten Zeitpunkt in der Sommerfrische ein. 7 Paletten Herrenhäuser, 8 Gläser Bockwürstchen und eine Tube Senf. Wollten ja den Schreberheinis auch was bieten.
„Harmonie“ bestand aus einem mit grünem Jägerzaun abgegrenzten Areal, das etwa dreißig Parzellen beherbergte, verriet mein erster Blick. In einigen Teilen sonnte sich Senioren oder schürften Kaffee. Hey, geht es noch schlimmer? Wir wanderten durch sauberst geharkte Kieswege und exakt auf 1,24 m gestutzte Hecken. Die Sonne au den Schädeln und das Gefühl, in geheimer Mission unterwegs zu sein, in den Herzen.
„Spießeraltersheim im Grünen“, fluchte Zecke und schnippte die Überreste der Selbstgedrehten auf eine englische Rasenfläche.
„Ist doch klasse“, widersprach ich und zeigte au ein mit Blumengirlanden verziertes Schild vor einer der Garteneinheiten. „Sonja und Frank, Herzlich willkommen.“
„Alter Schwede, die geben sich richtig Mühe“, brach ich ausnahmsweise mal ne Lanze für das Spießergesocks. „Sind ja auch Kinder Manitus, tun wir es ihnen gleich und machen einen auf Gentleman. Slow and easy. Und nachts, da geht die Lucie ab.“
„Du willst einen auf Schauspiel machen“; fragte meine Kamasutralehrerin mit gefährlichem Grinsen. „Nehmen die uns zwar nicht ab, bei unserem Outfit, aber für den Spaß, why not?“
„Jau“, begeisterte mich meine Idee sekündlich mehr. „fahren wir die lasche Tour und infiltrieren die Bande. Johnny Rotten ist ja auch nicht bei der EMI reingeschneit und hat ‚Fuck you!’ gebrüllt.
„Alter“, strahlte mein Himmelsnektar.“ Du bist der Schwanz und ich die Muschi. Pure Liebe.“ Nach einem mehrminütigen Slo-Mo-Kiss schleppten wir unsere Vorräte in die unverschlossene Blockhütte am Ende des Gärtchens. Wie geil war das denn. Gemütliche braune Ohrensessel, ein urwüchsiger Holztische und tatatä ein Kühlschrank. Rasch Bier und Würstchen verstaut.
„Hier lässt es sich aushalten“, brüllten wir synchron. Und dann war es soweit. Als wir mit einigen Bierchen dem Chill-Prozess frönten, klopfte es gut gelaunt an der Tür.
„Hallihallo, ist da jemand?“ jubilierte ein Altweibersophran wie auf Benezdrin. „Hier kommt das Begrüßungskommittee.“
„Heilige Scheiße“, säuselte meine Liebste, „Was für Pillen hat die Trulla denn geschmissen.“
„Contenance, mein Erdbeersorbet. Kehren wir heute unsere liebenswürdigste Seite raus. Spielen wir wie Bogart und Bacall den großen Spießerblues.“
„Okay“, rotzte mein Zeckchen entschlossen auf den Holzdielenboden. „Herein“, reif sie mit dem Flair eine ganz ganz großen Aktrice, was mein Herz zum Pumpen brachte. Was für eine Perle.
Hereinspazierte ein Spießergespann aus dem großen Buch der Klischees. Sie im Dirndl, Fresse weit über Verfalldatum. Er Gummistiefel trotz Sonnenschein, kariertes Hemd und Pornobalken über der Oberlippe. In den Händen trug sie eine Platte mit Kuchen, sah nach Schokolade aus.
Bei unserem Anblick erstarb das verstrahle Spießerlächeln wie bei Karl Moik bei einer Alkoholkontrolle. Dabei sind wir doch wirklich gelungene Exemplare der Gattung Mensch.

Nach einer Minute betretenen Schweigens hatten sich die beiden gefangen. „Ähm, ich bin der Werner“, stellte sich der Schnauzbart vor.
„Ich bin Wilma die gute Seele des Vereins und ihr seid die Sonja und der Frank?“
„Für Freunde Zecke und Pickel“, stellte meine Karmapartnerin uns vor. „Wollt ihr Würstchen? Brot haben wir leider vergessen.“
„Nette Namen“ befand Wilma nach einer Gesichtsbewegung, die wie ein Würgen aussah.
„Wir haben bereits gegessen“, ergänzte Werner. Vielleicht fuhr er den Veganertrip.
„Kein Problem“, beeilte ich mich. Sollte nicht glauben, dass sie uns beleidigt hätten.
„Wie gefällt euch den unser kleines Refugium der Harmonie?“ schlug Wilma Konversationston an. „Wir haben vor zwanzig Jahren beschlossen, uns einen Zufluchtsort vor der Hektik des Alltags zu errichten. Ruhe und Entspannung in der Natur mit Gleichgesinnten. Aber langsam geht uns der Nachwuchs aus. Daher haben wir zu der ungewöhnlichen Methode gegriffen, einen Schrebergartenaufenthalt in der Zeitung zu verlosen.“
„Piss die Wand an“ fühlte ich mich echt ergriffen. Gar nicht so übel die Bagage.
„Bitte?“, fragte Wilma etwas konsterniert.
„Was hast du noch mal gesagt, Frank, äh, Pickel?“
„Piss die Wand an, rechts, links, in der Mitte, oben und unten. Ihr spielt hier einen geilen Grove. Back to nature, PUNKS NOT DEAD. Wir sind eure Leute.“
„Was heißt denn“, dramaturgische Pause „Piss die Wand an?“, der Typ schien ein (S)checker zu sein.
„Piss die Wand an sagen coole Typen“, klärte mein Aphrodisiakum bereitwillig auf.
„Wenn etwas toll ist, Mann, Piss die Wand an. Wenn du den Langeweileblues schiebst, hey, Mann, Piss die Wand an. Oder du siehst nen heißen Macker. Wow, Piss die Wand an. Stammt aus nem mega abgefahren Streifen mit Jonny Depp. Der lebt genauso auf der Überholspur wie wir. Coole Scheiße.“
Meine Sahnetorte ist eine hammermäßige Alte. Optik grandios. Herz giga, und der Body ... Aber manchmal haut sie einfach unbedachte Worte aus ihrem Kopf. Coole Scheiße war ein definitiv zu harter Ausdruck für die Schmalspurkomiker. Ich sah es an ihren Fressen. Vielleicht können sich auf unserem Planeten Spießer und Revolutionäre einfach nicht annähern.
„Ein Stück Nusstorte?“, fand Wilma am Raschensten die Fassung wieder. Ey, ne, wie konnte ich nur auf die Idee kommen, dass Spacken und Macker wie wir zusammen abhängen können. Verschiedene Sprachen, verschiedene Lebensentwürfe. Beim Kuchen würden sie anfangen, die klein karierten Regeln ihrer Zombikolonie zu erklären. Fuck. Hecke 1,2 m hoch, kein offenes Feuer, keine Mucke außer Stefan Ross. Tötörötötö. Aber wir waren ja Bogart und Bacall. Den Movie bis zum Abend durchziehen und dann Hasta la vista Baby.

Höflich wie englischer Adel mit Stock im Arsch nahmen wir uns zwei Stückchen. Eines muss man den Pennern ja lassen, backen können sie. Schokoladig, nussig, ein wenig cremig. Und nach dem dritten Bissen - glaubt es oder nicht – veränderten sich Wilmas und Werners Optik. Irgendwie ne Mischung aus zart blau und Propeller um die Schädel. Very Strange. Alles langsam und schnell zugleich. Mein Törtchen – ich meine meine Torte, nicht den Kuchen – starrte mich mit ihren großen blauen Augen an. Wow, wirklich die ein Hammer die Frau.
Da hörte ich, wie aus einem entfernten Universum, Werner rumlaberte, naja, klang mehr wie son Chor aus nem Bach Oratorium.
„Die passen nicht zu uns, zu spießig!“
„Hast du die Wurstgläser gesehen? Kein savoer vivre. Zu einer Orgie können wir die nicht überreden. Sind wahrscheinlich streng monogam.“ Lästerte Wilma.
„Ich hatte ja gehofft, dass der Spacecake sie auflockert. Bezweifele aber das das funktioniert. Sie sind ja völlig borniert in ihrem Spießermikrokosmos verhaftet. Nachher schleppen die uns noch Gartenzwerge an. Wir sagen ihnen später, dass sie nicht zu uns passen. Alleine wie die Reden, wie Punk Opis. Wir brauchen frischen Wind.“
Ich verstand nicht, was sie sagten, aber zu mindest, der Film in meinem Kopf wurde immer bunter und schöner. Der Ausflug in die Harmonie hatte sich echt gelohnt.

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24 Jun 2007 15:04
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Großartige Geschichten #8
Wieso stellst du eigentlich immer so dermaßen überzogene Ansprüche an dich selbst? Ist dir schon mal aufgefallen, dass es außer dir keinen Menschen auf dieser Welt gibt, der dich so kritisch beäugt und wertend unter die Lupe nimmt, wie du es tust? Ist dir eigentlich bewusst, dass du allein in jedem Augenblick für dich die Entscheidung zwischen Himmel und Hölle, zwischen Paradies und Folterkammer triffst? Hey, all die kleinen Fehler und Macken, die du so eifrig kaschierst und versteckst, jene kleine Abweichungen vom Allgemeinen oder dem, was manche Menschen als Norm bezeichnen, all das, was du versuchst unerbittlich auszumerzen – gerade das ist es, was dich so einzigartig, so unverwechselbar, so liebenswert macht. Hast du dir zu Bewusstsein geführt, dass es dich nur ein einziges Mal gibt, das es keinen Menschen auf dieser Erde gibt, der dir auch nur annähernd gleicht? All die Menschen, die in deinem Leben sind, die dich achten, lieben und schätzen, die deine Gegenwart wünschen und deine Nähe suchen, all diese Menschen wählen dich gerade auf Grund deiner so unvergleichbaren Eigenheit, deinem so sein. Der Volksmund weiß, dass dort, wo Licht ist immer auch Schatten ist... Und ich weiß, dass du weist, bewusst oder unbewusst, vielleicht bereits jetzt oder möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt in der nahen Zukunft, dass dich all jenen kleinen Züge, die dich scheinbar störten, als dir noch nicht klar war, das sie zu dir gehören, so menschlich machen, so zugänglich, so nahbar. Und das ist es doch, was du letztendlich bist: Ein Mensch unter Menschen.

Ein Mensch, der auf der Suche nach dem Glück ist. Ein Mensch, der danach strebt, die faszinierenden Tiefen des eigenen Selbst zu erforschen und anderen im Wunder der Begegnung ein klein wenig näher zu kommen. Wie erleichternd, wie unglaublich befreiend ist es, dir jetzt zu erlauben, mit offenen Karten zu spielen, die Masken fallen zu lassen und dein wahres Gesicht zu offenbaren? Wie überrascht wirst du sein, wenn du feststellst wie unhaltbar, überflüssig ... und ja, jetzt lächelst du sogar, nein, ich sehe ein Schmunzeln oder bahnt sich da vielleicht ein leises, noch ein wenig zurückhaltendes Kichern an? Spür das wunderbare Gefühl, von jener Last befreit zu sein, die so erdrückend schien, damals als du noch nicht verstanden hattest, wie unnötig und absurd sie war. Genieße die Leichtigkeit und das berauschende, überwältigende Gefühl, nun all die Energien zur freien Verfügung zu haben, die zuvor im verstecken deiner kleinen Unzulänglichkeiten gebunden waren. Schau hinaus in die Welt!

Um wie vieles satter und kräftiger sind all die Farben geworden, das tiefe Grün der Natur, das Blau der Flüsse und Meere? Wie viel heller und klarer erklingen die Stimmen der Vögel, Tiere und Menschen? Wie viel intensiver und berührender ertönt Musik, um wie vieles wohlriechender sind die Düfte der Welt? Sieh, was du siehst, hör, was du hörst und spür, was du spürst. Und dann geh raus und hab einen verdammt guten Tag in der sicheren Gewissheit, das es niemanden gibt, der so perfekt du sein könntest, wie du es schon immer gewesen bist.

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24 Jun 2007 15:13
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Großartige Geschichten #9
„Ich habe einen Traum“ er löst mühsam den Blick von seinen zusammengefalteten Händen und lässt ihn in der Runde schweifen „er wiederholt sich seit drei Wochen jede Nacht. Ich bin am Tresen einer Bar. Das Licht spiegelt sich in den unzähligen Flaschen. Ich hebe den Kopf und blicke in die Mündung einer Waffe. Ich kann nicht genau erkennen, wer sie mir direkt vor den Kopf hält. Vom Schuss wache ich auf.“ Sein Blick wird hart. „Sie mögen das alles für ein Spiel halten, aber es ist mir sehr ernst. In meinem Beruf habe ich gelernt, völlig auf meine Intuition zu vertrauen. Ich habe für mich beschlossen, so nicht sterben zu wollen. Und hier,“ er schüttelt eine Zigarette aus der zerknautschten Packung in seiner Hemdtasche „hier kommen Sie ins Spiel.“

Erst beim zweiten Klicken lodert eine Flamme aus dem goldenen Zippo. Scharfer Tabakrauch saugt den leichten Benzingeruch auf. Mit jedem Zug scheint seine Gestalt auf dem Hocker zu wachsen. In das Schweigen hinein fixiert er jeden von ihnen ein paar Sekunden. „Sie sind hier, um meine Chance zu erhöhen, dass ich dieses Treffen überlebe.“

Die Männer um ihn werfen sich ungläubige Blicke zu. Sein Gegenüber zuckt die Achseln. Seine 1,90 in schwarz und tarnfarben bequem auf diesem kleinen Stuhl unterzubringen scheint ihm ein viel drängenderes Problem zu sein.

Sein rechter Nachbar ergreift so zuerst das Wort „Ich möchte es in erster Linie begrüßen, dass Sie sich entschlossen haben, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich kann natürlich nicht für meine“ er macht eine kurze Pause um das richtige Wort zu finden „Mitstreiter sprechen. Aber ich bin mir sicher, dass Sie diesen Traum sehr ernst nehmen sollten. Träume sind ein Weg unseres Verstandes, uns Botschaften zu schicken. Ich möchte, dass Sie sich ein wenig zurücklehnen und sich noch einmal genau die Situation vergegenwärtigen: Sie sind also in der Bar...“ er ignoriert ein verächtliches Schnauben zu seiner linken. „vielleicht beschreiben Sie uns noch ein wenig genauer, sie sehen sich selbst am Tresen, also im Mittelpunkt... Ich brauche da noch ein paar Einzelheiten, mit denen ich arbeiten kann. Beschreiben Sie uns doch mal die Szene.“

Während seiner Worte ist die Aufmerksamkeit seines Gastgebers deutlich abgesunken. Suchend schweift sein Blick im Raum umher. Je näher die Glut seinen Fingern rückt, desto unruhiger rutscht er auf seinem Sitz hin und her. Eine raue, riesige Hand schiebt das silberne Schild in die Mitte des Tisches. DANKE, DASS SIE HIER NICHT RAUCHEN Dankbar lässt er die Asche auf das Metall fallen. Zum ersten Mal huscht ein Lächeln über sein Gesicht.

„Bitte konzentrieren Sie sich“ in den betont professionellen Ton scheint sich eine Spur Ärger gemischt zu haben. Oder liegt es an der Geste, mit der er den Kragen des Rollis hochschlägt? Er mag es nicht, ignoriert zu werden „denken Sie stets daran, dass Sie immerhin zu mir, ... , zu uns gekommen sind. Also, bitte erinnern Sie sich... Sie sind in dieser Bar... Was ist da noch...“ Es besänftig ihn sichtlich, dass ein Patient in tiefer Konzentration die Augen schließt.
„Ich höre Stimmen, keine Ahnung was die sagen. Und Musik, nichts weltbewegendes, vielleicht einen dieser Radiosender, denen man kaum noch entkommen kann. Sie wissen schon Radio Lalala, nur wir spielen die schönsten 90er, 80er und das Beste von heute„Mmh“ „Es riecht leicht nach Tabak und Whisky.“„Sie sitzen also in der Bar. Gespräche und Musik plätschern durch den Raum. Es riecht nach Kneipe. Wie geht es Ihnen dabei?“ Ein kurzes Schweigen. Die Stimme klingt überrascht „Naja, irgendwie, nun, wie soll ich es sagen. Erleichtert. Als hätte ich eine schwierige Situation gemeistert.“

Er schlägt die Augen auf. Sein Gesprächspartner lehnt sich betont langsam in seinem Stuhl zurück. Jede Geste signalisiert: „Siehst du.“ Ein tiefes, höhnisches Lachen zerstört die Magie des Augenblicks. „Und dann kommt jemand rein und erschießt Sie. Da können Sie sich ja wirklich freuen, dass Sie in dem Moment gut drauf waren.“ Der böse Blick aus dem Rolli scheint Flecktarn nichts auszumachen. „Ich mein, mir ist das egal. Solange Sie mich bezahlen kämpfe ich auch gegen Traumgestalten.“

Der dritte Mann, der bisher geschwiegen hat, greift nun vermittelnd ein „Egal ob real oder nicht. Jeder von uns wird alles tun, um Ihnen zu helfen. Immerhin beschäftigt Sie dieser Traum sosehr, dass Sie uns zu dieser kleinen Konferenz geladen haben. Auch wenn der Ort“ er wischt ein imaginäres Staubkorn von seinem schwarzen Anzug „ein wenig ungewöhnlich ist. Aber nun gut, mein Sohn, es muss einen Grund geben, warum Sie dieser Traum Nacht für Nacht, quält. Ja, ich spreche mit Absicht von Qualen. Auch wenn Sie sich erleichtert fühlen mögen, einer Waffe Aug in Aug gegenüber zu stehen, jede Nacht, den Schuss zu hören,... das kann keine angenehme Erfahrung sein. Die entscheidende Frage ist doch: Warum werden Sie jede Nacht von einem Unbekannten erschossen? Was haben Sie getan, dass so einen Hass hervorrufen könnte?“ Seine Augen leuchten gütig. Sie scheinen zu sagen, hey, zusammen haben wir alles im Griff. Egal, was Du mir gleich antworten wirst, ich werde Dich nie verurteilen.
„Nun ja, getan“ nicht nur seine Achseln, sein ganzer Körper scheint zu zucken „auf jeden Fall nichts, was so etwas rechtfertigen würde. Ich habe niemanden getötet oder verletzt. Ich habe keine Affäre oder habe jemanden um sein Vermögen gebracht.“„Nun ja, das Alles hast Du also nicht getan. Aber etwas hast Du doch getan, oder?“„Ich bin kein Heiliger. Sie alle kennen ja das Sprichwort von dem Zweck und den Mitteln. Vielleicht hätte ich das eine oder andere Mal ein wenig netter sein können, aber das ist doch kein Kapitalverbrechen oder?“ Sein Ton wird langsam ein wenig aggressiv. Sie sollen ihm doch helfen. Statt dessen wird er hier an den Pranger gestellt. Tief durchatmen. Sie sind alle nur wegen ihm hier. Er hat die Kontrolle.

„OK. Ich tue jetzt mal so, als ob das alles wirklich passieren wird. Da wird sich jemand vor sie hinstellen, und ihnen eine Waffe an den Kopf halten. Ich werde Sie natürlich mit meinem Leben beschützen. Das ist immerhin mein Job. Aber sollte ich mal nicht hier sein, wird Ihnen die hier beistehen.“ Er zieht einen leicht ölig glänzenden Revolver hervor und legt ihn neben das Whiskyglas auf den Tresen. „Vorsicht, die ist bereits geladen. Sieben Schuss. Hier entsichern, da spannen, da abziehen. 100 prozentig zuverlässig.“

„Sie können ihm doch keine Waffe geben.“„Hey, er fühlt sich bedroht, damit kann er sich, sollte er recht haben, verteidigen.“„Er braucht eine andere Art von Hilfe.“„Ja, auf ihrer Couch.„Besser als in einem Beichtstuhl.“

„RUHE.“ Als er wieder ihre Aufmerksamkeit hat spricht er weiter. „Wir sind alle hier, um gemeinsam etwas zu finden, was ich tun kann. Was auch immer es ist, ich bin mir sicher, Ihr Streit, meine Herren, hilft mir nicht im geringsten. Ich möchte einfach nur, dass Sie mir helfen, neue Alternativen zu finden. Egal, wie absurd sie den anderen erscheinen mag.“ Er wendet sich um: „Eine Runde Whisky für alle bitte.“


Allein der Geruch scheint die Stimmung zu lösen. Die Diskussion verliert ihre Hitze. Ideen schwirren durch den Raum. Seine letzte Zigarette aus der Packung schüttelnd lässt er seinen Blick über seine Helfer schweifen. Wenn er sogar die dazu bringt, zusammen zu arbeiten... Eine tiefe Erleichterung überkommt ihn. Er ist auf dem richtigen Weg. Genussvoll zieht er an der Zigarette. Ob er die Waffe überhaupt braucht? Sie liegt schwer in der Hand. Spannen und entsichern. Das Kraftpaket hatte recht. Es ist wirklich einfach. Vielleicht sollte er auf Bier umsteigen. Sein Blick sucht den Barkeeper.


Der Knall eines Schusses hat Ähnlichkeit mit einem schwarzen Loch. Für kurze Zeit verdichtet sich die Realität und Raum und Zeit scheinen stehen zu bleiben.

Aus dem Radio plätscherte immer noch ein „90er, 80er und das Beste von heute“, es riecht immer noch nach Zigarette und Whisky. Aber die Energie ist anders. Alles konzentriert sich auf die Theke, an der ein Mann steht. Sein Lachen erfüllt den Raum. Was er wohl an den Scherben des Spiegels so komisch findet?

Am nächsten Morgen wachte er mit der Gewissheit auf, dass er zum letzten Mal diesen Traum geträumt hatte. Alle seine Helfer würden ihm von nun an für jede Herausforderung unzählige Lösungsalternativen zur Verfügung stellen.

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24 Jun 2007 16:04
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mickmagick
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Großartige Geschichten #10
Es ist noch gar nicht so lange her, als ich wieder mal total planlos durch Berlin kurvte. Das Navi war an solchen Tagen auch nicht sonderlich zielführend. Ab Tagen wie diesen eben, an Tagen, an denen Angela wieder mal halb Berlin für sich gepachtet hat. Na gut, was soll’s, ich muss zum Bahnhof, dachte ich, und da geschah es.

Eine kleine schwarz-weiße Katze sprang hinter einem Auto hervor und für einen kurzen Moment zwischen den Blicken auf das Tacho, den Rückspiegel und der Straße hatte ich das Gefühl, genau diesem kleinen Wollknäul in die Augen zu sehen. Genau in das Schwarze, das von einer grün blitzenden Iris umrandet war. Genau wie im Schlaf, oder würdet ihr Trance dazu sagen, trat ich die Bremse voll durch.

Ein dumpfer Knall, aber von hinten – Sch.... noch einer – auch von hinten – Mist – das gibt Ärger und am Kopf, der nun der langsam wieder zur Ruhe kam, fühlte ich die Beule wachsen. Nun musste ich nicht mehr zum Bahnhof, aber aussteigen, und mein erster Weg wurde mir von einer hysterischen Frau versperrt, die irgendwas sagte wie „Wieso...“ keine Ahnung – mein Auto naja ging so – ihres sah schlimmer aus, hihi.

Was ist eigentlich mit der Katze, fragte ich den älteren Herrn, der auf mich zukam, aber ich erntete nur verständnislose Blicke – oh, der Fahrer des zweiten Wagens. Ich dachte noch, wird schon nicht so schlimm sein und begab mich – natürlich nachdem ich die Polizei gerufen hatte – auf den Weg zur Suche! Irgendwo musste sie sein, die Katze. Hoffentlich hat sie es geschafft, liefen meine Gedanken davon und ich ihnen hinterher.

Da war sie. Ich traute meinen Augen kaum. Sie sitzt – als wäre nichts geschehen – vor meinem Auto. Sieht mir wieder mitten in die Augen, und als ich mich zu ihr bücke, ich glaube es selbst heute noch leicht, sagt sie in einem völlig selbstverständlichen Ton:

„Reine Nervensache! Darf ich einsteigen?“

Was danach geschah, müsst ihr euch von ihr erzählen lassen – ich weiß nur noch, es dauerte noch sehr lang.

Felix lebt heute noch bei mir und manchmal unterhalten wir uns stundenlang.

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